Ich bin's (gebundenes Buch)

Die ersten 68 Jahre
ISBN/EAN: 9783936738346
Sprache: Deutsch
Umfang: 254 S.
Format (T/L/B): 2.3 x 19.6 x 12.8 cm
Einband: gebundenes Buch
4,99 €
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Auf den 2. Juni hatten wir uns mit Rauchbomben und mit Farbe gefüllten Eiern vorbereitet. Nachdem der Geheimdienst des Schahs von Persien, die Jubelperser, die erste Demonstration vor dem Regierungssitz am Schöneberger Rathaus zerschlagen hatte, sind wir vor die Deutsche Oper gezogen, um dort die Demo fortzusetzen. Mozarts Zauberflöte stand auf dem Spielplan, der Schah zählte zu den Gästen. Ich habe mit meinen Farbeiern schön die Pelzmäntel getroffen, und die Polizei ist wütend geworden, dass ihre Absperrung nicht funktionierte und dass die Operngäste auf der anderen Seite tanzen mussten und sich beschwerten: Räumt die Leute weg! Eine Gewaltorgie begann. Greiftrupps schwirrten aus, um einzelne Werfer festzunehmen. Ich war einer der ersten, den sie erwischten und in eine grüne Minna schleppten. Zu beiden Seiten des Polizeibussen saßen die Polizisten, auf Bänken aufgereiht und mit gezogenen Schlagstöcken. Sie warfen mich auf den Boden, wo ich zu ihren Füßen lag. Alle, die dort gesessen hatten, droschen gemeinsam auf mich ein. * * * Dass Benno Ohnesorg an diesem Abend erschossen wurde, habe ich erst mal nicht gewusst. Ich war auf dem Polizeirevier. Mit einigen anderen, die abgegriffen worden waren, bin ich in eine Zelle gesperrt worden, wo wir uns nicht einschüchtern ließen und richtig gefeiert haben. Dann machte das Gerücht die Runde, ein Polizist sei von einem Demonstranten erstochen worden. Im erste Moment dachten wir: Auweia! Jetzt geht''s erst richtig los. Jetzt kriegen wir ordentlich was ab. Aber da wir wussten, wie sie tickten, glaubten wir das nicht wirklich. Sie würden sogar Falschmeldungen streuen, nur um uns Angst einzujagen. Andererseits hätte es auch stimmen können: dass sich jemand bedroht fühlte, ausrastete und ein Messer zog. Am nächsten Tag wurden alle freigelassen. Wir wurden weit vor die Stadt gefahren, ins Niemandsland am Rande Berlins, und mussten sehen, wie wir zurückkamen. Dann erst, in der Kommune, erfuhren wir vom Tod Benno Ohnesorgs. Seltsamer Weise waren wir nicht besonders schockiert. Ein Toter, das war die ganze Zeit drin, es war kein Wunder - in einer mit Gewalt aufgeladenen öffentlichen Atmosphäre, in der ganz normale Leute auf der Straße davon redeten, dass sie Demonstranten wie uns am liebsten umbringen würden. Man konnte den Hass gut spüren, der uns entgegengebracht wurde, den die Springer-Zeitungen weiter geschürt hatten. Und so wie die Polizisten prügelten, war das lebensgefährlich. Der Hass saß tief. Jetzt war es also passiert. Es gibt einen kleinen Film, den Thomas Giefer zwei Tage nach dem 2. Juni gemacht hat. Man sieht mich darüber reden, wie ich behandelt wurde; wie wahnsinnig ich verprügelt worden bin. Das ist wie ein kleiner Rap, in dem ich sage: Klar müssen sie prügeln in so einer Situation. Man bleibt am besten ganz kühl dabei, ohne mit Hass darauf zu reagieren. Das Wort cool gab es noch nicht. Aber es ging darum, cool zu bleiben. Nicht wütend zu werden, wenn man von jemandes Wut geradezu überrollt wurde. Dabei die Liebe nicht zu verlieren. Nicht in den Kriegszustand einzutreten, nicht einmal zeitweilig. Das war es, was wir in der Kommune entwickelt hatten und was teilweise auch schon gelang.
Rainer Langhans, geboren 1940 in Oschersleben bei Magdeburg, lebt als Autor und Filmemacher seit 1976 in einem spärlich möblierten Single-Apartment in München-Schwabing. Der Mitbegründer der Kommune I und ehemalige Freund von Uschi Obermaier erzählt erstmals seine Lebensgeschichte. Dabei eröffnet sich ein höchst faszinierendes privates und gesellschaftliches Panorama - von der sogenannten sexuellen Revolution über spirituelle Selbsterfahrungen bis hin zur Frage, wie ein von Konventionen befreites Leben im Alter aussehen könnte.
Auf den 2. Juni hatten wir uns mit Rauchbomben und mit Farbe gefüllten Eiern vorbereitet. Nachdem der Geheimdienst des Schahs von Persien, die Jubelperser, die erste Demonstration vor dem Regierungssitz am Schöneberger Rathaus zerschlagen hatte, sind wir vor die Deutsche Oper gezogen, um dort die Demo fortzusetzen. Mozarts Zauberflöte stand auf dem Spielplan, der Schah zählte zu den Gästen. Ich habe mit meinen Farbeiern schön die Pelzmäntel getroffen, und die Polizei ist wütend geworden, dass ihre Absperrung nicht funktionierte und dass die Operngäste auf der anderen Seite tanzen mussten und sich beschwerten: Räumt die Leute weg! Eine Gewaltorgie begann. Greiftrupps schwirrten aus, um einzelne Werfer festzunehmen. Ich war einer der ersten, den sie erwischten und in eine grüne Minna schleppten. Zu beiden Seiten des Polizeibussen saßen die Polizisten, auf Bänken aufgereiht und mit gezogenen Schlagstöcken. Sie warfen mich auf den Boden, wo ich zu ihren Füßen lag. Alle, die dort gesessen hatten, droschen gemeinsam auf mich ein. Dass Benno Ohnesorg an diesem Abend erschossen wurde, habe ich erst mal nicht gewusst. Ich war auf dem Polizeirevier. Mit einigen anderen, die abgegriffen worden waren, bin ich in eine Zelle gesperrt worden, wo wir uns nicht einschüchtern ließen und richtig gefeiert haben. Dann machte das Gerücht die Runde, ein Polizist sei von einem Demonstranten erstochen worden. Im erste Moment dachten wir: Auweia! Jetzt geht?s erst richtig los. Jetzt kriegen wir ordentlich was ab. Aber da wir wussten, wie sie tickten, glaubten wir das nicht wirklich. Sie würden sogar Falschmeldungen streuen, nur um uns Angst einzujagen. Andererseits hätte es auch stimmen können: dass sich jemand bedroht fühlte, ausrastete und ein Messer zog. Am nächsten Tag wurden alle freigelassen. Wir wurden weit vor die Stadt gefahren, ins Niemandsland am Rande Berlins, und mussten sehen, wie wir zurückkamen. Dann erst, in der Kommune, erfuhren wir vom Tod Benno Ohnesorgs. Seltsamer Weise waren wir nicht besonders schockiert. Ein Toter, das war die ganze Zeit drin, es war kein Wunder ? in einer mit Gewalt aufgeladenen öffentlichen Atmosphäre, in der ganz normale Leute auf der Straße davon redeten, dass sie Demonstranten wie uns am liebsten umbringen würden. Man konnte den Hass gut spüren, der uns entgegengebracht wurde, den die Springer- Zeitungen weiter geschürt hatten. Und so wie die Polizisten prügelten, war das lebensgefährlich. Der Hass saß tief. Jetzt war es also passiert. Es gibt einen kleinen Film, den Thomas Giefer zwei Tage nach dem 2. Juni gemacht hat. Man sieht mich darüber reden, wie ich behandelt wurde; wie wahnsinnig ich verprügelt worden bin.
1 Ich bin?s 7 2 Polaroids 11 3 Berlin 25 4 Kommune 39 Aufbruch 39 Utopia 55 Trips 73 5 Uschi 95 6 Highfisch 109 7 Welt am Draht 127 8 Meister 135 9 Sex 147 10 Apartment 153 11 Unter Frauen 157 12 Jung werden 167 Anhang 175 Tagebücher 1958?1964 177 Briefe an Uschi 230 Chronik 250 Bildlegenden, Bildnachweis 253